
Deich-Slogan der SPD: Zeile stammt aus einem NS-Pflichtlied

Mit dem Spruch âWir sind der Deichâ zieht die SPD in Sachsen-Anhalt in den Endspurt vor der Landtagswahl am 6. September 2026. Der Slogan prangt auf Plakaten, taucht im Wahlwerbespot auf â und stammt einem Medienbericht zufolge wörtlich aus einem Lied der NS-Zeit. Die Landespartei weist die Kritik zurĂŒck.
Ein Bild gegen die âblaue Welleâ â mit ungeahnter Vorgeschichte
Die Botschaft ist simpel: Die Sozialdemokraten inszenieren sich als Schutzwall gegen eine erstarkende AfD. Der Deich hĂ€lt, die Flut bleibt drauĂen. Ein starkes Bild â bis jemand nachschlĂ€gt, woher es kommt.
Dem Bericht zufolge findet sich die Zeile âWir sind der Deichâ in dem Lied âWir tragen das Vaterland in unsern Herzenâ. Es sei Pflichtlied des Reichsarbeitsdienstes gewesen und 1936 beim Reichsparteitag gesungen worden. In der ersten Strophe heiĂt es demnach: âDenn wir sind das Reich, und wir sind der Deich um Volk und Arbeit und Freiheit zugleich.â
Der Komponist: GeneralarbeitsfĂŒhrer mit goldenem Parteiabzeichen
Verfasst habe Text und Melodie im Jahr 1936 Wilhelm Decker, seit 1935 GeneralarbeitsfĂŒhrer im Reichsarbeitsdienst. 1939 sei er mit dem goldenen Parteiabzeichen der NSDAP ausgezeichnet und in den Beirat einer sogenannten âForschungsabteilung Judenfrageâ berufen worden â einer Einrichtung, die dem menschenverachtenden Antisemitismus des Regimes wissenschaftliche Fassade verleihen sollte.
Pikant: Die rechtsextreme Kleinstpartei âDer Dritte Wegâ soll den kompletten Liedtext bis heute auf ihrer Internetseite veröffentlicht haben. Ausgerechnet dort also, wo die SPD ihren politischen Hauptgegner verortet.
Die Verteidigung der Landes-SPD
Die SPD Sachsen-Anhalt sieht kein Problem. Ein Sprecher verwies auf eine eigenstĂ€ndige Verwendungsgeschichte der Metapher â etwa auf die Berichterstattung zur Oderflut 1997 und eine sprachwissenschaftliche Untersuchung aus dem Jahr 2005. Auch die âOmas gegen Rechtsâ hĂ€tten die Formulierung im MĂ€rz dieses Jahres bei Demonstrationen genutzt.
âDen Versuch, durch die isolierte Heranziehung einer Textzeile aus einem uns bislang unbekannten Lied einen vollkommen anderen Zusammenhang herzustellen, können wir deshalb nicht nachvollziehen.â
Es gehe der Partei um âZusammenhalt, Verantwortung und den gemeinsamen Schutz unserer Demokratieâ, so der Sprecher weiter. Die Ăhnlichkeit sei also Zufall â ein Zufall im Wortlaut, immerhin.
Warum die Sache mehr ist als eine FuĂnote
Aus Sicht unserer Redaktion offenbart der Vorgang vor allem eines: Wer im politischen Alltag mit gröĂter SelbstverstĂ€ndlichkeit die historische Belastung von Wörtern, Symbolen und Slogans anderer seziert, muss sich am eigenen MaĂstab messen lassen. Ein kurzer Blick in die Sprachgeschichte hĂ€tte womöglich genĂŒgt.
Der Kontext verschĂ€rft die Lage. Spitzenkandidat der Sozialdemokraten ist Wissenschaftsminister Armin Willingmann. Bei der Wahl 2021 kam die SPD im Land auf 8,4 Prozent â ihr historisch schwĂ€chstes Ergebnis dort. Aktuelle Umfragen sehen die AfD nun mit deutlichem Abstand vorn, wĂ€hrend CDU und SPD um Anschluss ringen.
Statt ĂŒber Industriestrompreise, marode Infrastruktur, BĂŒrokratielast oder innere Sicherheit zu diskutieren, dreht sich die Debatte nun um eine Liedzeile aus dem Jahr 1936. FĂŒr die BĂŒrger in Sachsen-Anhalt, die mit Wirtschaftsflaute und Abwanderung kĂ€mpfen, dĂŒrfte das ein schwacher Trost sein. Deiche schĂŒtzen bekanntlich nur, solange dahinter etwas steht, das des SchĂŒtzens wert ist.

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