
Burnham bastelt am Wahlrecht: Regiert in London die Angst vor Farage?

GroĂbritanniens Labour-Premier Andy Burnham will das jahrhundertealte Mehrheitswahlrecht abschaffen. Das kĂŒndigte er am Dienstag in seiner Grundsatzrede beim Labour-Parteitag in Liverpool an. Eine vorgezogene Neuwahl, wie sie Nigel Farages Reform UK verlangt, lehnt er ab. Den Zeitpunkt halten Beobachter fĂŒr alles andere als zufĂ€llig.
Wenn die Umfragen kippen, sollen die Regeln weg
Burnham zeichnete auf der ParteitagsbĂŒhne ein dĂŒsteres Bild. Man habe in seinen öffentlichen Pflichten versagt, sagte er sinngemĂ€Ă, wenn man einfach weitermache und einer âspalterischen Regierungâ, die womöglich nicht einmal 30 Prozent der Stimmen hole, den Weg in die Downing Street ebne. Wen er damit meint, musste er nicht dazusagen.
ZunĂ€chst soll eine nationale Kommission VorschlĂ€ge fĂŒr ein neues Wahlsystem erarbeiten. Wer sie leiten soll und wann sie loslegt, lieĂ der Premier Medienberichten zufolge offen. Klar ist nur: Labour will mit diesem Versprechen in die nĂ€chste Unterhauswahl ziehen. Die muss spĂ€testens 2029 stattfinden.
Die Zahlen hinter der NervositÀt
Den Hintergrund liefern die Umfragen. Nach der jĂŒngsten Wahlkreisanalyse von YouGov kĂ€me Labour nur noch auf 241 Sitze. FĂŒr eine Mehrheit sind 326 nötig. Die Tories unter Kemi Badenoch lĂ€gen bei 130 Mandaten, Reform UK bei 123. Labour mĂŒsste sich also auf die Liberaldemokraten mit 71 Sitzen und die Regionalparteien aus Schottland oder Wales stĂŒtzen.
Ein pikantes Detail: 2024 holte Labour mit gerade einmal rund 34 Prozent der Stimmen 411 Sitze und damit eine erdrĂŒckende Mehrheit. Damals störte sich in der Partei kaum jemand an der Logik des Mehrheitswahlrechts. Jetzt, wo die Konkurrenz von rechts aufholt, soll ausgerechnet dieses System das Problem sein? Kritiker sprechen von Regeln, die man nur dann Ă€ndert, wenn sie einem nicht mehr nĂŒtzen.
Die Briten haben schon einmal Nein gesagt
Neu ist die Debatte nicht. 2011 hatten die Briten in einem Referendum ĂŒber das sogenannte Alternative-Vote-Modell abgestimmt. Gut zwei Drittel lehnten die Reform ab. Auch in der eigenen Partei hat Burnham keine geschlossene Front hinter sich. Vizechefin Lucy Powell rĂ€umte Berichten zufolge ein, dass Teile von Labour die PlĂ€ne nicht mittragen.
Eine Analyse der Zeitung âThe Telegraphâ zeigt, wohin die Reise gehen könnte. Mit einem VerhĂ€ltniswahlrecht nach schottischem Vorbild hĂ€tte im Unterhaus kein Lager eine Mehrheit, weder links noch rechts. GroĂbritannien drohe damit eine lange Phase wackliger Koalitionen.
Linkes Reformpaket â und kein frisches Mandat
Die Wahlrechtskommission gehört zu einem gröĂeren Paket. Burnham will Energie- und Wasserversorger verstaatlichen, das Pflegesystem umbauen und den Rentenanstieg bremsen, indem er ihn vom realen Lohnwachstum entkoppelt. Innenministerin Shabana Mahmood kĂŒndigte zusĂ€tzlich neue âlegale und sichereâ Asylwege an, unter anderem fĂŒr afghanische Frauen und palĂ€stinensische Migranten.
Auch das VerhĂ€ltnis zur EU stellt der Premier zur Disposition. Man könne âaufs Ganze gehenâ, sagte er der BBC und meinte damit sogar einen möglichen Wiedereintritt. Ebenso auf dem Tisch lĂ€gen der Status quo, die Zollunion und der Binnenmarkt. Fast zehn Jahre nach dem Brexit-Votum klingt das fĂŒr viele Briten wie ein Frontalangriff auf ihre damalige Entscheidung.
Bemerkenswert dabei: Burnham ist ins Amt gekommen, ohne dass die WĂ€hler ihn selbst bestĂ€tigt hĂ€tten. Neuwahlen schlieĂt er trotzdem aus. Es werde im Land zu viel gestritten und zu viel Zeit mit Politik verbracht, begrĂŒndete er seine Haltung.
âWenn die Labour-Partei so sicher wĂ€re, dass die Ăffentlichkeit ihre Politik der offenen Grenzen befĂŒrwortet, wĂŒrde sie Neuwahlen ausrufen, um sich ein Mandat zu sichern.â
So konterte Farage auf X. Daran ist schwer vorbeizukommen. Ein Premier ohne eigenes WĂ€hlermandat, der Rentenregeln, Asylpolitik, EU-Kurs und gleich noch das Wahlrecht umkrempeln will, sich aber dem Votum der BĂŒrger nicht stellen möchte: Das hat mit dem Respekt vor dem WĂ€hlerwillen wenig zu tun. Am Ende werden die Briten selbst entscheiden. SpĂ€testens 2029.

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